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Rückblicke 2022

2022 – März

Der Tödi ist der höchste Gipfel der Glarner Alpen und besteht aus den drei Gipfeln Piz Russein (3.612m), Glarner Tödi (3.570m) und Sandgipfel (3.390m). Es wird angenommen, dass der Name vom schweizerdeutschen «d’Ödi» (die Öde – unbewohntes, einer Wüste gleichendes Gebiet) stammt und im Laufe der Zeit zu Tödi wurde. Über seinen höchsten Punkt verläuft die Grenze der Kantone Glarus und Graubünden. Seine Dominanz, die wilde Landschaft und die langen Aufstiege machen seine Besteigung zu einem beliebten Ziel für ambitionierte Ski- und Hochtourengänger, wenngleich das Gebiet längst nicht so frequentiert ist wie die großen „Hautes Routes“ und uns bisher vollkommen unbekannt ist.  

By fair means, also ohne Seilbahnunterstützung, steigen wir über den Gemsfairenstock in die weitläufige Gletscherwelt rund um den Tödi ein. Gleich am ersten Tag bedanken sich unsere Oberschenkel für die knackigen 1.600hm Aufstieg inklusive schwerem Rucksack. Die Abfahrt vom Gipfel zur Claridenhütte könnte ein Träumchen sein. Ist sie aber nicht. Leider schlägt die Tiefschneespaß-Sicherheits-Waage auf der Lawinensicherheitsseite mit einem deutlichen Plus aus. „Halb so wild“ denken wir, als wir bei der Hütte ankommen, denn diese entspricht dank kleinerer Schlafsäle, fließend Wasser und einer modernen Toilettenlösung (Kompost-, Trenntoilette) neusten Standards und sorgt somit für happy Smileys in den Gesichtern der Bergsteiger und Klärwürmer. Eine Echte Win-Win Situation, vor allem für die Bergsteiger.  

Der Claridenfirn, den wir am zweiten Tag unter die Bretter nehmen, hat unter den Alpengletschern eine besondere Stellung. Es gibt grundsätzlich drei Gletscherarten: 

1. Inlandeis-Typus, den Polarzonen angehörend, von der Form eines flachen Schildes ohne bedeutend überragende Gipfel und mit breiten Abflüssen oft direkt zum Meer. 

2. Alpiner Typus, den steilen Hochgebirgen angehörend. Das Sammelgebiet hat die Form einer Mulde, umrahmt von steilen Gipfeln und Gratwänden. Der Abfluss bildet einen Eisstrom in einem mehr oder weniger engen und steilen Tal. 

3. Skandinavischer Typus. Dieser Typus nimmt eine Mittelstellung zwischen den beiden vorgenannten ein und kommt, wie sein Name andeutet, hauptsächlich in Skandinavien vor. 

In der Schweiz sind fast alle Gletscher vom alpinen Typus (kaum überraschend), nur wenige kommen dem Skandinavischen nahe. Einer davon ist der Claridenfirn, über den wir zum Namensgebenden Clariden aufsteigen. An einigen spannenden Abschnitten gilt es die Ski auf dem Rücken zu tragen. Auf der anderen Seite angekommen genießen wir die Sonne und können beobachten, wie ein kleines Flugzeug sich in mehreren Anläufen an einer Landung auf dem Skandinaveneis versucht. In dem YouTube Video erhält man einen guten Eindruck von der Gegend und der Fliegerei.  

„Wänn chunt ändlich de tödi?“ Jetzt: Statt der Standardroute (nutzen wir im Abstieg) planen wir über den wenig begangenen Sandpass unseren Aufstieg, der mit einer anspruchsvollen Abfahrt startet. Das Leben steckt voller Widersprüche. Über steile Hänge, einen steilen Übergang zum Gliems Gletscher und den noch steileren Übergang „Porta da Gliems“ erreichen wir nach etwa 4 Stunden das Biefertenfirnplateau und haben unser Tagesziel fortan fest im Blick. Noch ein paar Gletscherspalten umkurven und dem bissigen Wind trotzen, dann können wir unser Servus ins Gipfelbuch setzen. Wer den Tag vor dem Abend lobt, fällt selbst in die Spalte hinein, besagt ein skandinavisches Sprichwort. Daher lieber nicht zu früh freuen, denn der Abstieg hält, wie wir noch sehen werden, einige weitere technische Schwierigkeiten für uns bereit. Es gibt grundsätzlich zwei Abfahrtsvarianten. Eine richtige und eine falsche. Wir erfahren erst am Abend von der Hüttenwirtin, dass die „Schneerus“ Variante seit Jahren nicht mehr begangen wird (Frag den Hüttenwirt steht nun als Reminder hinter unseren Ohren – das Internet preist diese Variante als die bessere an). Vor einer Woche seien jedoch ein paar Elite Bergsteiger zum Training im Schneerus unterwegs gewesen, sodass einige Spuren zu finden sind. Ausgerechnet diesen folgen wir in unserem Abstieg und landen an einer nicht zu überwindenden Eiswand. Nun heißt es leider wieder umkehren und den anderen Weg suchen. Dieses kleine Abenteuer bedeutet einen dezenten Mehraufwand von fast 3h, was nicht nur die Hüttenwirtin ein wenig nervös gemacht hat. Nach sehr langen 12h erreichen wir ausgelaugt, aber glücklich die Hütte und versuchen die Speicher mit Rivella, Apfelschorle und jeder Menge gutem Essen wieder aufzufüllen.  

Was ist sonst noch so passiert? 

Das Saarland wird nun von der SPD regiert und der nette Schmitty Will verteilt fröhlich Schellen. Anstatt den Kerl aus dem Saal zu schmeißen, entscheidet man sich ihm ein Oscar zu verleihen. Ganz schön was los.