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Rückblicke 2021

2021 – Juli

Der Name Zinalrothorn bereitet keinerlei Deutungsschwierigkeiten. Da es aber in den Alpen und damit auch rund um Zermatt viele Rothörner gibt, hat man diesem – zur besseren Unterscheidung – den Ortsnamen „Zinal“ vorangesetzt. Interessant ist, dass der Berg in Zinal und damit in der Romandie (französischsprachige Schweiz) insgesamt den deutschen Namen „Le Rothorn de Zinal“, oder – in Ermangelung anderer Rothörner in diesem Sprachraum – einfach „Le Rothorn“ genannt wird. 

Das große Ziel der Runde ist also ausgemacht. Wir nähern uns dem Mattertal und werden zunächst von einer deutlich sichtbaren Eisflanke in den Bann gezogen. Was uns von dort oben anlacht ist nicht das Bishorn (der Modeviertausender alpiner Milchbärte, der einem außer diszipliniertem Anstehen nicht viel abverlangt), auch nicht das Weisshorn, sondern der kleinere Gipfel nördlich davon, das Brunegghorn. Ein Dreitausender (3833m) der anspruchsvolleren Kategorie mit einem erstklassigen Aussichtspanorama. Nach schweißtreibendem Aufstieg und Übernachtung in der Topalihütte nähern wir uns dem Nordostgrat. Problemlos steigen wir auf dem immer steiler werdenden Firngrat nach oben und meistern auch den kurzen Felsaufschwung, der uns noch vom Gipfel trennt. 7/7 möglichen Eispickeln erreicht die Tour auf der persönlichen Bewertungsskala und sorgt für eine optimale Akklimatisierung für Le Rothorn. 

Tags darauf wandern wir über das Zinaltal zur Cabane Mountet und hören zufällig den Dialog zweier Steinböcke, die über dem Weg rasten und genüsslich über die vorbeiziehenden Bergsteiger lästern.  
Steinbock links: „Lueg, lueg, lueg, jetzt muesch luege, jetzt kunnt wieder eine“ 
Steinbock rechts: „ja, scho wieder eine“ 
li:“e Krampf het er. heieiei, lueg wiender kämpfe mues!“ 
re: „kämpfe, kämpfe, kum!“  
li: „ganz e rote Grind het er, de Chaib“ 
re: „a das tuet em aber nüüt, odr?“
li: „un schnufe mues er, los e mol wie´s tönt“  
re (erschrocken, weil ein Murmeltier unvermittelt vor den beiden auftaucht): „De Robert isch scho e ziemli fräche Murmel, das!“ 
… 

„Le Rothorn“ ist ein Berg für Frühaufsteher: Um 02:00 Uhr klingelt der Wecker. Die geplante Route über den Nordgrat gilt als eine der schönsten Klettereien auf einen Viertausender im Alpenraum, die außerdem an „Ausgesetztheit ihresgleichen sucht“. Eine der Schlüsselstellen heißt „Rasoir“, eine extrem spitze Felsnadel, die es zu überqueren gilt mit einigen hundert Metern Luft unter dem Hintern. Laut Kletterführer kann man sich das rasieren früh morgens sparen, es wird von Europas höchstgelegenem Barbier vor Ort erledigt. Derart frisch rasiert treffen wir also irgendwann am Gipfel ein und freuen uns über die fantastische Aussicht. Zu diesem Zeitpunkt überrascht es uns keine anderen Seilschaften anzutreffen. Einen Viertausender rund um Zermatt für sich zu haben ist eine Seltenheit. Nach insgesamt 15h treffen wir auf der Rothornhütte ein und allmählich verstehen wir, warum wir die einzige Seilschaft des Tages mit Gipfelerfolg waren. Auf der Südseite (über die wir absteigen) liegt außergewöhnlich viel Schnee. Immer wieder sinken wir hüfttief ein und müssen uns den Abstieg regelrecht erkämpfen. Die Internetrecherche ein paar Tage später zeigt, dass der Abstieg üblicherweise komplett schneefrei ist. Glücklich erreichen wir schließlich unser Domizil und entscheiden uns die geplante Begehung des Obergabelhorns am nächsten Tag anderen Seilschaften zu überlassen. Wir schlafen uns aus und steigen durch eine kitschig schöne Alpenlandschaft ab nach Zermatt, um den Heimweg anzutreten. 

Was ist sonst noch so passiert? Auf der Cabane Mountet treffen wir Caro North und plaudern kurz. Caro ist eine Profi Alpinistin und das aktuelle Cover der E.O.F.T., eine echte VIP also. Diese Erkenntnis trifft wie die Berner – Schneckenpost aber erst ein paar Tage später durch eine Hinternetbefragung bei uns ein.